Tiere in der Autismus-Therapie

von Birgit Tschochner
,
1997
Therapeutisches Einsatzgebiet:
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Förderpädagogik
Heilpädagogik
Menschen mit Behinderung
Soziale Einrichtung
Tierarten:
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Hunde
Pferde
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Pädagogik
Psychologie
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Tiere in der Autismus-Therapie

von Birgit Tschochner, 1997

Referat zum Thema "Tiergestützte Therapie" anläßlich des zehnjährigen Bestehens des Vereins "Tiere helfen Menschen, e.V." in Würzburg, 1997

Bei Autismus handelt es sich um eine zentrale Wahrnehmungs -Verarbeitungsstörung, bedingt durch Auffälligkeiten in der Kognition. Die Verursachungsmöglichkeiten sind vielfältig (multikausale Genese). Immer tritt die Beeinträchtigung vor dem 30. Lebensmonat auf, wenn auch oft erst später erkannt und behandelt.
Die vordergründig gezeigten Verhaltensauffälligkeiten sind als Endergebnis fehllaufender Entwicklungsprozesse im Sinnesbereich aufzufassen.
Nach ICD 10 handelt es sich weder, wie früher vermutet, um eine kindliche Form der Schizophrenie, noch um Kontaktprobleme aufgrund angeblich "gefühlskalter Mütter", sondern um eine tiefgreifende Entwicklungsstörung auf primär hirnorganischer Basis.

Die Störung ist laut ICD 10 gekennzeichnet durch "qualitative Beeinträchtigungen in gegenseitigen sozialen Interaktionen und Kommunikationsmustern sowie durch ein eingeschränktes, stereotypes, sich wiederholendes Repertoire von Interessen und Aktivitäten".

Man hat früher Typ "Kanner" (spricht nicht, heftige Erregungszustände, viele Stereotypien und Zwänge, schwere kognitive Einschränkung) und Typ "Asperger" (spricht schnell und viel bei auffälliger Sprachmelodie, kein Interesse an sozialen Beziehungen, Entwicklung von Spezialfähigkeiten) unterschieden. Heute sieht man diese "Typen" als unterschiedlich starke Ausprägungen des gleichen Autismus-Syndroms. Den schwerer betroffenen "Kern-Autisten" ist das Auswählen von Reizen (Selektion) bzw. das Entscheiden über Vorrangigkeiten (Prioritäten setzen) nahezu unmöglich.

Das Ordnen, Speichern, Verarbeiten und gedankliche Abrufen von für uns alltäglichen Reizen bereitet allergrößte Schwierigkeiten. Die Unfähigkeit, zwei oder mehr Reize bzw. zwei oder mehrere Sinneseindrücke im Gehirn angemessen zu verarbeiten, bezeichnet man als zentrale Informationsverarbeitungs- oder "Decodierungsstörung", was bedeutet, daß ab einer bestimmten Zahl von Reizen oder Informationen diese nicht mehr entschlüsselt oder "decodiert" werden können.

Wenn bereits die Entschlüsselung erhebliche Probleme macht, können folglich auch keine angemessenen Verknüpfungsleistungen erbracht werden ("Interferenz"-Leistung), weshalb auch immer die Sprache betroffen ist.

Wie stark die Entwicklung tatsächlich behindert ist, wird deutlich, wenn man weiß, daß die in dieser Weise betroffenen Kinder zunächst in der Regel auch die Mimik der nächsten Bezugsperson, zumeist der Mutter, nicht entschlüsseln können.

Stammesgeschichtlich entwickeltes Sozialverhalten, z.B. freundlicher oder ärgerlicher Gesichtsausdruck, wird nicht "verstanden".

Lächelt die Mutter den Säugling liebevoll an, kann dies von ihm nicht als emotionale Zuwendung interpretiert und erlebt werden.
Ein autistischer Säugling freut sich zunächst nicht über das Auftauchen des mütterlichen Gesichts. Aufgrund der mangelnden kindlichen Resonanz ist es nicht verwunderlich, wenn manche Mutter ihre zärtlichen Bemühungen allmählich einstellt und nach außen "gefühlskalt" (s. Bruno Bettelheim) wirkt.

Hier wurde Müttern von autistischen Kindern in der Vergangenheit viel Unrecht angetan. Leider zeigt das autistische Kind noch eine Vielzahl weiterer, kontaktbehindernder Verhaltensweisen:
Es sträubt sich gegen Körperkontakt ("Schmusen") und ist zunächst zu aktivem sprachlichen Ausdruck von Bedürfnissen oder Gefühlen unfähig.

Die mehr oder weniger starke Entwicklungsstörung der gesamten Wahrnehmungs- funktionen führt sowohl zur Ausbildung einseitiger Aufmerksamkeitszuwendung ("overselective attention"; Entwicklung von Spezial-Interessen auf niedrigem und höheren Niveau: Rädchen-Drehen am Auto genauso wie exzessives Interesse am Computer) als auch zum Entstehen von Unter- oder Überempfindlichkeiten im Sinnesbereich (Hypo- oder Hypersensibilitäten) - was u.a. als Ursache der genannten kontaktbehindernden Persönlichkeitseigenschaften gelten muß.

So bereitet Berührung manchem autistischen Kind tatsächlich Schmerzen. Es mag nicht angefaßt werden und lehnt demzufolge zärtlichen Körperkontakt durch die Mutter heftig ab. Die Auswirkungen von Autismus im Alltag mag der Leser erahnen. Wenn bereits im Säuglingsalter genetisch normalerweise mitgegebene Verhaltensprogramme nicht zur Anwendung kommen können, ist die daraus resultierende Störung der mitmenschlichen Verständigung (interaktives Verhalten) so stark, daß auch später soziale Alltagssituationen in keiner Weise entschlüsselt werden können.

Man spricht von einer "sozialen Wahrnehmungsverarbeitungsstörung". Jegliches soziale Lernen ist massiv behindert.

Demzufolge kann auch Sprache als Symbolträger nicht zielgerichtet eingesetzt werden - kurz: der Autist "versteht die Welt nicht" und kann sich auch kaum verständlich machen. Die auf autistische Menschen einstürmenden Reize ("Reizüberflutung") machen Angst. Der autistische Mensch kommt auf diese Weise oft in extreme Erregungszustände oder muß aus Gründen des Selbstschutzes "zumachen", d.h. er ist nicht mehr ansprechbar. Um die allgegenwärtige Angst zu vermindern, entwickeln autistiche Menschen eigene Angstabwehr-Systeme, die Außenstehenden oft unverständlich erscheinen (Stereotypien wie Handwedeln usw.). Sie dienen der eigenen Sicherheit, indem sie zum psychischen Gleichgewicht beitragen, bewirken jedoch leider eine massive Abwehr gegen neue Lernangebote. Autistische Kinder wollen - im Gegensatz zu anderen Kindern - nicht lernen.

Alles Neue macht Angst. Das erschwert die Behandlung autistischer Kinder außerordentlich. Therapie wird abgewehrt - Therapieerfolge sind oft zunächst nicht sichtbar (sprunghafte Entwicklung autistischer Kinder).

Zum Thema Autismus gäbe es noch viel zu sagen. Bisher nicht erwähnt ist beispielsweise die aus den beschriebenen Auffälligkeiten sich zwangsläufig ergebende weitgehende Resistenz gegen Erziehungsbemühungen jeglicher Art. Wie soll man autistische Kinder erziehen können, wenn Lob und Strafe zunächst weder kognitiv noch erlebensmäßig erfaßt werden können?
Später verharren im Lauf der Entwicklung die Kinder oder Jugendlichen oft auf der Stufe von "Versuch und Irrtum", d.h. sie probieren aus, welchen Effekt ein bestimmtes Handeln hervorrufen kann.
Von der Umwelt wird dies in der Regel leider zu Lasten der autistischen Menschen fehlinterpretiert im Sinn des absichtsvoll böswilligen Handelns ("das hat er/sie nur gemacht, um mich/uns zu ärgern"), zumal bisweilen einzelne hervorragende Fähigkeiten das wahre Ausmaß der Behinderung verschleiern.

Die Problematik im Zusammenhang mit Autismus wurde nun hinreichend deutlich. Wie gerade Tiere sinnvoll in die Autismus-Therapie miteinbezogen werden können, soll im folgenden anhand eines in hiesiger Praxis erstmals entwickelten therapeutischen Konzeptes dargelegt werden. Seit 1985 werden hier in der Psychologischen Praxis (Hilpoltstein; Landkreis Roth) autistische Menschen und deren Angehörige therapeutisch begleitet. Es finden sowohl wöchentliche Therapiestunden als auch sog. "Schwerpunkttherapien" statt, bei denen einmal im Monat aus dem gesamten nordbayerischen Raum das autistische Kind / Jugendliche(r) samt Angehörigen / u.U. Erziehern / Lehrern einer Einrichtung für einen halben Tag therapeutische Begleitung erhält.
Als Schwerpunkt-Therapeutin tätig ist außer mir Frau Holzer-Thieser (Diplompsychologin). Schwerpunkttherapien können aufgrund der hohen Verantwortung (für einen Monat mitgegebene Therapie-Vorschläge) nur zu zweit durchgeführt werden.
Zu Beginn erfolgt für etwa 30 Minuten Verlaufsdiagnostik am betroffenen Kind - ohne Anwesenheit der Bezugspersonen; nach einer Beratungsphase wird mit dem Kind für weitere 60 - 90 Minuten therapeutisch gearbeitet; dabei wird insbesondere darauf geachtet, inwieweit mitzugebende Therapie-Vorschläge zu Hause oder in der betreuenden Einrichtung umsetzbar sein werden. Nach Rückkehr der Angehörigen / Betreuer werden Veränderungen (evtl. therapeutische Fortschritte) besprochen und anstehende Probleme bearbeitet. Therapie-Vorschläge werden - wenn gewünscht - schriftlich festgehalten, damit auch in der Einrichtung spezielle Förderung erfolgen kann.
Das Konzept dieser Schwerpunkttherapien hat sich unserer Erfahrung nach sehr bewährt.

Schon während meines Studiums in den 70er Jahren fand das Thema Autismus mein spezielle Interese. Besondere Dankbarkeit empfand ich, gesunde Töchter zu haben. Aus diesem Grund engagierte ich mich schon zu dieser Zeit in einem Elternkreis autistisch behinderter Kinder. Zu diesem Zeitpunkt war die hirnorganische Basis der Behinderung noch kaum bekannt.

Die Kinder waren z.T. extrem auffällig; das Autismus-Syndrom nahezu unbekannt. Wenn die Eltern berichteten, daß sie einen Verkehrsunfall erlitten, weil das Kind in einem plötzlichen Erregungsanfall die Fahrerin an den Haaren zog, machte mich das sehr betroffen.
Eltern von autisti- schen Kindern fanden vor 20 Jahren und finden auch heute teilweise nur wenig Unterstützung beim Umgang mit ihren Kindern. Oft schwebt noch die "Schuldfrage" unausgesprochen im Raum (wenn man das Kind "richtig" behandeln würde, dann...).
Eines meiner Hauptanliegen ist auch heute noch, mehr Verständnis für diese schwere, extrem kontaktbeeinträchtigende Entwicklungsstörung zu wecken. Zunächst gilt es für Therapeuten, sich - ebenso wie die Eltern - von normativen Erwartungen möglichst freizumachen. Die Entwicklungsstörung ist derart graviernd, daß nicht zu erwarten ist, daß jemals die sozialen Normen der Gesellschaft erfüllt werden können. Autistische Menschen werden immer mehr oder weniger "auffallen", aus den Normen sozusagen "herausfallen". Sie werden immer für Außenstehende "sonderbar" erscheinen und wenig Verständnis erwarten können. Es ist notwendig, sich der therapeutischen Ziele bei autistisch betroffenen Menschen bewußt zu werden und darüber ausreichend zu reflektieren.

Therapeutisches Ziel kann es jedenfalls nicht sein, autistische Menschen hauptsächlich an die Normen der Gesellschaft anpassen zu wollen. Grundsätzlich kann es auch bei autistischen Menschen, gemäß unserer therapeutischen Grundüberzeugung, nur um eine qualitative Erweiterung ihrer Kontaktmöglichkeiten gehen. Therapeutisch ausgesprochen hinderlich ist die Angst vor Neuem, also auch vor jeglichem Kontakt-Angebot.

Allgemein kann unserer Erfahrung nach gelten, daß therapeutischer Fortschritt sich nur einstellt, wenn die massive Angst vor Neuem "unterlaufen" werden kann. Indem die therapeutischen Schritte so klein sind, daß sie nur geringe und damit überwindbare Angst verursachen (s.a. Konzept von Montessori), kann der autistische Mensch "voranschreiten", d.h. sich sozial entwickeln. Nur auf diesem Weg kann Selbstvertrauen entstehen. Die soziale Kompetenz wird auf "selbstverständliche" Art und Weise erweitert - sie darf keinesfalls durch den Therapeuten von außen mehr oder weniger erzwungen werden.

Die bei Autismus beschriebene Entwicklungsstörung ist so tiefgreifend, daß bereits genetische Basis-Programme der Mutter-Kind-Verständigung gestört sind (s. Eibl-Eibelsfeldt).

Es kann sich nur dann um eine wirksame Therapie handeln, wenn möglichst tief an die Basis der Interaktionsstörung gegangen wird. Sowohl in der Literatur beschrieben als auch in hiesiger Praxis ausprobiert wurden vielfältige therapeutische Ansätze:

  • direktive und non-direktive Spieltherapie (Axline)
  • Körpertherapien
  • Sensorische Integration
  • Tiefenpsychologisch fundierte Gesprächstherapie
  • (ältere Kinder/Jugendliche; Eltern)
  • Verhaltenstherapie
  • Musiktherapie
  • Maltherapie
  • Gestalttherapie

Ein verbindliches therapeutisches Gesamtkonzept existiert hinsichtlich einer Autismustherapie - wie auch bezüglich anderer psychischer Beeinträchtigungen - bis heute nicht.

Die Idee, Tiere als integrierenden Baustein in die Autismus-Therapie miteinzubeziehen, kam mir vor etwa fünf Jahren.

Tiere kommunizieren auf einer sehr tiefen Ebene des Bewußtseins (s. Rothacker); bei einer Tier-Mensch-Kommunikation kommen vermutlich stammesgeschichtlich geprägte Verhaltensweisen zum Tragen, die bei reiner Mensch-zu-Mensch- Kommunikation kulturell so stark überlagert sind, daß Autisten - die ohnehin schwere Decodierungsprobleme haben - diese noch weniger "verstehen" können als beim Umgang mit Tieren.
Anders ausgedrückt sind Tiere direkter, unmißverständlicher (niemals Widerspruch zwischen sprachlichem und nicht-sprachlichem Ausdruck; s. Beziehungsanalyse "Pferd-Mensch" von Evelyn Heller) und eindeutiger im Gefühlsausdruck, beim Anzeigen von Wünschen und Bedürfnissen und bezüglich der Resonanz auf andere Lebewesen.

Klare, "verstehbare" Resonanz ist für autistische Menschen Vorbedingung für soziales Lernen. Die Resonanz verfälschende kulturell bedingte Überlagerungen (normative Vorgaben, wie "man" sich sozial zu geben hat) kennt das Tier in unserem Sinn nicht - zumindest nicht in der gleichen freien geistigen Verfügbarkeit darüber, wie der Mensch sie hat. Ein "So-Tun-Als-Ob" versteht der autistische Mensch nicht, weder auf niedrigem Niveau (sog. "Alltagslügen") noch auf höherem Niveau (bewußte Vorspiegelung von Gefühlen mit gezielter Täuschungsabsicht).

Autistische Menschen sind auf absolute Echtheit des Gefühlsausdrucks angewiesen, d.h. auf Authentizität der Interaktionspartner (s.u.a. Buber; s. Gestaltterapie: "Heilung durch Beziehung"), um auf diesem allertiefsten Bewußtseinsniveau, der Basis unserer Gefühle, überhaupt anknüpfen und schließlich sozial lernen zu können.

Autisten müssen zunächst Schritt für Schritt

  1. den Ausdruck von Gefühlen anderer entschlüsseln lernen,
  2. diese Gefühle mit eigenen Gefühlszuständen in Verbindung bringen und erlebensmäßig lernen, darauf zu reagieren;

Eine solche abstrakte Verknüpfungsleistung kann logischerweise jedoch nur erbracht werden, wenn Bewußheit über eigene Gefühlszustände erlangt ist und diese angemessen benannt werden können; daran hindert jedoch wiederum die gravierende Wahrnehmungsverarbeitungsstörung.

Aus diesem bisher Gesagten geht klar hervor, daß vor der Integration von Tieren in die Autismustherapie eine Basis-Therapie erfolgen muß, die eine Interaktion mit anderen Partnern (Tier/Mensch) überhaupt erst möglich macht.

Um die Abfolge therapeutisch notwendiger Schritte zu erfassen, wurde ein Schaubild erstellt:

Mensch in Interaktion Basis

1. Wahrnehmung von Außenreizen ausreichende Sinnestätigkeit

2. Entschlüsselung komplexer Speicherung von Reizmuster Sinneseindrücken

3. Empfinden von Bedürfnis- Bewertung der Zustände/ Gefühlsqualitäten Sinneseindrücke

4. Zielgerichtetes Handeln Aufmerksamkeits- zentrierung / Ausreichender Antrieb = Neugierverhalten

5. Erkennen von Veränderung bei kognitive komplexen Reizmustern


Neu-Bewertung

6. Abänderung des bisherigen Fähigkeit, Handelns Resonanz, zu geben = Interaktion

7. Erleben der Gefühlsqualitäten Beziehungs-anderer Lebewesen / Empathiefähigkeit

Tiere können in die Autismus-Therapie nur eingebracht werden, wenn zumindest Stufe 4 erreicht ist. Das Verhalten von Tieren muß wahrgenommen, ihre Ablehnung bestimmter Handlungen (Hund jault auf Schmerz-Reiz) in das eigene Konzept integriert werden können. Als Grundannahmen gehen in dieses Konzept ein, daß das sinnhafte Erfassen von Reizmustern einer kognitiven Bewertung unterliegt und mit dem Erleben von Bedürfniszuständen und Gefühlsqualitäten in Zusammenhang steht (s. Gestalttherapie; moderne kognitive Therapieformen).

Hauptproblem autistischer Menschen ist der fundamentale Mangel an Erleben von Sinnhaftigkeit ihrer Lebensbezüge. Der nahezu komplette Mangel an Neugierverhalten ist Ursache und Folge zugleich. Kann das Interesse für Hund, Katze, Pferd usw. aktiviert werden, eröffnet sich für die so Betroffenen eine neue Welt: weg vom berechenbaren unbelebten Objekt hin zum unberechenbaren, aber durchaus angsterzeugenden Lebewesen.

Tiere sind als Interaktionspartner außerordentlich geeignet:
Die Interaktion ist auf das Wesentliche beschränkt!
Kein schmückendes Beiwerk in der unter uns Menschen üblichen Kommunikation muß mühselig entschlüsselt werden, keine Andeutungen, Verfälschungen, Widersprüche gedanklich eingeordnet und aufgelöst werden.
Zudem sind Tiere klare Resonanz-Geber, d.h. auch die Resonanz (z.B. Ausdruck von Behagen oder Unbehagen) ist auf das Wesentliche reduziert.

Ist nach therapeutischen Förderprogrammen (s.o. therapeut. Ansätze zur Autismus-Therapie) Stufe 4 (s.o.) erreicht, können aus diesen Gründen Tiere sehr erfolgreich in die Therapie miteingebunden werden. Betont sei an dieser Stelle nochmals, wie sehr autistische Menschen darauf angewiesen sind, klare, eindeutige Signale zu empfangen, um diese entschlüsseln zu können. Unsere sämtlichen genetischen Verhaltensprogramme machen uns zur Erleichterung unseres sozialen Alltagslebens Vorgaben hinsichtlich dessen, wie bestimmte Reizmuster zu entschlüsseln und zu bewerten sind.

Nach Erreichen der Stufe 4 (s.o.) kann durch Einbindung von Tieren in die Therapie vermutlich an genetische Verhaltensprogramme angeknüpft werden, die bei Autisten - aus welchen Gründen auch immer - zum Teil zerstört sind oder nicht abgerufen werden können.

Tier und autistischer Mensch erleben eine gemeinsame Spürebene, wie sie der autistische Mensch im Alltag selten in dieser intensiven Art und Weise mit einem anderen Lebewesen teilen kann. Uns allen stammesgeschichtlich mitgegebene "Ur"-Gefühle können im Zusammensein mit Tieren reaktiviert werden, verlorengegangene Verknüpfungen wieder hergestellt werden, kurz eine Ganzheitlichkeit des Erlebens erfolgen, wie sie in der heutigen, kommunikationsarmen Zeit der Technik - oder hier: durch Autismus - oft verlorengegangen ist.

Gestalttherapeutisch würde man bei diesem Gedankengang von "Heilung durch Integration" sprechen.

Zum Abschluß der Überlegungen noch drei Fallbeispiele:

1. Fallbeispiel: ANDREAS, 18 Jahre

Andreas ist seit etwa 4 Jahren in schwerpunkttherapeutischer Behandlung. Bis vor etwa 1 Jahr hat er Tieren keine besondere Beachtung geschenkt. Ein "Nein" hat ihn zuvor nicht davon abgehalten, weiter am Schwanz des Hundes zu ziehen. Es erfolgte Basis-Autismustherapie und Andreas machte Fortschritte. Hinderlich war die starke Hyperaktivität und die besonders ausgeprägte Angst vor Neuem. Nach 1-2 Jahren Therapie nahm das Sprachverständnis deutlich zu, aktiv sprechen kann er bis heute nicht.
Seit er in der Lage ist, ein klares Nein, zumindest größtenteils, zu beachten, kann es verantwortet werden, unseren Hund Ayla (Berner Sennenhund) in den Therapieraum zu lassen.
Zeitgleich mit der Entwicklung des Respektierens von "Nein" zeigte Andreas Interesse am Hund (s. Stufe 4 des ther. Konzeptes). Er bringt jeweils zu Beginn der Therapiestunde einen Knochen für Ayla mit und beobachtet aus den Augenwinkeln heraus mit freudigem Gesichtsausdruck Ayla beim Verspeisen des Knochens. Einerseits fürchtet er sich oft noch vor direktem Kontakt mit dem Hund, andererseits wirkt er von Ayla absolut fasziniert. Ayla darf unter Aufsicht manchmal zur Therapie dazu, ist aber ansonsten im Wohnhaus.

In der Regel freut sich Andreas sehr auf die Therapiestunden und hält auch die lange Fahrtzeit in froher Erwartung gut aus. Eine der Therapiestunden verlief jedoch verheerend: er kratzte, zwickte und schlug uns Therapeuten und wirkte außerordentlich verzweifelt.

Zunächst dachten wir an Ohrenschmerzen, denn es war offensichtlich, daß er uns etwas mitteilen wollte, aber was? Schließlich stellte sich heraus, daß er einen Knochen für Ayla dabei hatte und wir vergessen hatten, Ayla zu holen! Nachdem er dem Hund den Knochen gegeben hatte, war er wie ausgewechselt: glücklich lachte er und ließ sogar schmusenden Körperkontakt zu! Trotz blauer Flecken waren wir über diesen Beginn von Interaktionsverhalten alle sehr glücklich!

Andreas hat sich im folgenden beziehungsmäßig tatsächlich gut weiterentwickelt. Er reitet seit einem halben Jahr mit ausgesprochener Freude auf unserer Islandpony-Stute Nina. Sowohl Ayla als auch Nina sind ausgesprochen beziehungsfähige, Menschen zugewandte Tiere. Besonders in Zusammenhang mit Nina zeigt er ein breites Gefühlsspektrum. In der Schule wird berichtet, daß er aufmerksamer wirkt und Interesse an sozialen Beziehungen zeigt.
Er hat begonnen, Freude an sozialen Beziehungen zu empfinden. Diese qualitative Erweiterung seiner Kontaktmöglichkeiten geht Hand in Hand mit dem Spüren dessen, daß wir alle, Mensch und Tier, auf einer sehr tiefen Spürebene miteinander verbunden sind.

2. Fallbeispiel: NADINE, 7 Jahre

Nadine ist seit 2 1/2 Jahren hier schwerpunktmäßig in Behandlung. Zu Beginn der Therapie sprach sie zwar Worte, brachte diese aber in keinen verständlichen Zusammenhang. Menschen interessierten sie nicht. Sie kam in heftige Erregungszustände, wenn die Mutter ihre Worte nicht ständig echolalisch nachsprach. Nach etwa einem halben Jahr Basis-Therapie sprach Nadine 2-Wort-Sätze, nach einem weiteren Jahr agrammatische Teilsätze mit zunehmender Tendenz zu alters- gemäßer Sprache. Ihr Lieblingssatz war bis vor kurzem "Nadine hat Angst".
Auch als vor etwa 1 1/2 Jahren unser Hund Ayla unvorhergesehen zu ihr in den Gruppenraum stürmte, rief sie "Nadine hat Angst".

Von einer allgemeinen Hundephobie war den Eltern nichts bekannt. Zum einen stellte sich heraus, daß Nadine durch die Unberechenbarkeit der plötzlichen Bewegungen des Tieres tatsächlich geängstigt wurde, daß Nadine jedoch beim ruhigen Daliegen von Ayla keine Angst empfand.

Nicht der Hund machte also Angst, sondern die plötzliche Bewegung (s. mangelhafte Entschlüsselung komplexer Reizmuster).

Zum anderen ergab sich bei sehr genauer Analyse in den folgenden Monaten, daß bei Nadine Fehlverknüpfungen abliefen. War draußen Kinderlärm, der aufgrund einer Hypersensibilität im Hörbereich für Nadine vermutlich schmerzhaft ist, während sie gerade auf einer bestimmten Holzdiele lief, rief sie "Nadine hat Angst!" und wollte im folgenden diese spezielle Holzdiele nicht mehr betreten. Das Meiden des Bereichs dieser Holzdiele hielt Monate an (s. Taubenexperimente v. Skinner z. Thema "Zufallslernen").
Interessant in diesem Zusammenhang ist, daß solche Fehlverknüpfungen auch in Zusammenhang mit unserem Hund Ayla vorkamen. Als Nadine einmal bloßfüßig auf einer - vermutlich kalten - Treppenstufe stand, konnte Nadine "Kälte" nicht einordnen, sondern rief in Richtung Hund (der sich zu diesem Zeitpunkt gerade nur sehr langsam bewegte) in angstvoller Erregung "Nadine hat Angst".
Nachdem Nadine von uns Strümpfe angezogen bekam, machte der Hund auch keine "Angst" mehr. -

Das Beispiel von Nadine zeigt, daß die Interpretation von "Angst" in Zusammenhang mit Tieren in der Therapie nicht vorschnell erfolgen darf!

3. Fallbeispiel: CHRISTIAN, 8 Jahre

Christian spricht gern und viel, allerdings mit auffälliger Sprachmelodie. Er ist sehr bewandert in Bezug auf lexikalisches Wissen.

Besonderes Interesse hat er an der Technik. Freunde hat er nicht. Neue Situationen lehnt er vehement ab. Seit einem halben Jahr kommt er zu wöchentlich zwei Therapiestunden. Seit vier Wochen ist er bereit, neben unserem Pferd Nina herzulaufen, während seine kleine Schwester darauf reitet.

Das Pferd wird von mir geführt. Wir gehen in den Wald und machen dort einen Rundgang von etwa einer Stunde. Während des Laufens ist Christian ganz besonders redefreudig (eine Beobachtung, die ich auch bei anderen Kindern machte).

Aus dem Augenwinkel beobachtet er die Interaktion zwischen seiner Schwester und dem Pferd sehr genau. Er macht viele verbale Statements (im Sinn von Tatsachenbehauptungen), auch bezogen auf das Interaktionsverhalten zwischen Pferd und Schwester und achtet genau darauf, ob und wie ich die Aussagen korrigiere. Er zeigt sich sensibel bezüglich auch kleinerer Korrekturen und speichert diese zuverlässig ab. Direkte Lernangebote von mir, auch, wenn die Therapie in den Praxis-Räumen stattfindet, übergeht er und macht mit eigenen Statements weiter ("wie taub"). Die Einbeziehung des Pferdes Nina in die Therapie hat sich als sehr sinnreich erwiesen, obwohl er selbst nicht reiten mag.

Sowohl Bewegung im Freien (Natur als nicht-Angst erzeugendes Kontaktangebot) als auch mögliche Beobachtung von Interaktion (Tier-Mensch) scheinen heilend zu wirken. Die Korrektur seiner State- ments erlebt er als so wenig angsterzeugend, daß er diese integrieren kann und sozial eindeutig lernt (Therapie der kleinen Schritte). Zu große Angebote "übergeht" er, d.h. er ignoriert sie.
Besondere Freude empfand ich, als er mir während einer besonders langen Wanderung mit bzw. neben Nina ausführlich und in wohlgesetzten Worten erklärte, wie einzigartig Nina sei; es gäbe auf der ganzen Welt nie mehr das gleiche Pferd!
Diese Erklärung gab er mir in Zusammenhang damit, daß Nina sterben könnte, weil sie eine Verletzung am Fuß hatte (sie hatte eine kleine Fleischwunde und blutete sichtbar). Wenn sie sterben würde, würde "man das bedauern". Dazu machte er ein bedauerndes Gesicht - für dieses Kind ein ganz beachtlicher Entwicklungsfortschritt. Die Spaziergänge mit davon Therapie in den Praxisräumen statt - scheint er sehr zu genießen. Aufgrund der ausgeprägten Spezialinteressen gibt es nur wenig, was ihm außerhalb dessen Freude macht. So trägt unser Pferd Nina dazu bei, sein Interesse an der belebten Natur zu wecken.
Als therapeutischer Erfolg kann gelten, daß er sich seit kurzem einen Hund wünscht (direkter Kontakt mit Pferden macht noch zuviel Angst) und es in Worten klar bedauert, keinen Freund zu haben!

Mit diesen Ausführungen wurden nur einzelne Aspekte herausgegriffen, um darzulegen, daß Tiere in der Autismus-Therapie von besonderer Bedeutung sein können.

Bewußt wurden die in der Literatur schon ausführlich beschriebenen positiven und allbekannten Auswirkungen von beispielsweise "Therapeutischem Reiten" weggelassen.

Alles, was ergotherapeutische Aspekte (Bewegung auf dem Pferd/ Hippo-Therapie) und Förderung der sensorischen Integration betrifft, kann an anderer Stelle nachgelesen werden.

Dieser Artikel versucht zum einen Verständnis für das Autismus-Syndrom zu wecken und zum anderen Anregungen für neuartige Therapieformen bezüglich dieses Störungsbildes zu geben, wobei Tieren in der Therapie ein ganz besonderer Stellenwert zuerkannt wird.

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